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Altenpflege,Pflege,Ausbildung,Nachrichten,Pflegedienst,Suche Manchmal mehr Geld als ein Facharbeiter

20.08.2004

Frankfurt/Main (AP) Für die einen sind sie ein Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit, für die anderen eine Stigmatisierung der Betroffenen oder sogar die Rückkehr zum Reichsarbeitsdienst - die geplanten Ein- und Zwei-Euro-Jobs. Bis zu 600.000 Empfänger des neuen Arbeitslosengeldes II könnten nach Auffassung von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) so vermittelt werden. Doch die Kritik an den im Behördendeutsch als «Arbeitsgelegenheiten» bezeichneten Tätigkeiten kommt auf breiter Front.

Irreführend ist die Bezeichnung als Ein- und Zwei-Euro-Jobs in jedem Fall. Nach Berechnung des Kölner Instituts für deutsche Wirtschaft (IW) würde ein allein stehender Arbeitsloser in Westdeutschland mit Arbeitslosengeld II, einem Miet- und Heizungszuschuss und einem Zwei-Euro-Job auf Vollzeitbasis 978 Euro im Monat erhalten, was einem Bruttogehalt von 1.350 Euro und einem Stundenlohn von 8,20 Euro entspräche.

Ein verheirateter Arbeitsloser mit zwei Kindern unter sieben Jahren käme demnach umgerechnet gar auf einen Vollzeit-Bruttostundenlohn von 12,40 Euro - ein Facharbeiter in der Papierherstellung verdient laut IW lediglich 11,50 Euro. Deswegen hält das Institut die Zwei-Euro-Jobs auch für überbezahlt. Stattdessen befürwortet man eine Aufwandsentschädigung von 50 Cent, um Unkosten wie Fahrkarten abzudecken.

Dagegen sind dem thüringischen DGB-Vorsitzenden Frank Spieth ein bis zwei Euro viel zu wenig. Ein solches Taschengeld beeinträchtige das Selbstwertgefühl der Betroffenen massiv, sagte er und verglich die geplanten Jobs mit dem Reichsarbeitsdienst.

Dieser historische Vergleich sorgte für Kritik. Ohnehin ist der Arbeitsdienst mit seiner Bezahlung knapp über dem Arbeitslosengeld keine deutsche Erfindung. Die Idee stammt ursprünglich aus Bulgarien und diente auch in Deutschland zunächst als Mittel zur Bewältigung der Arbeitslosigkeit. Erst im Dritten Reich erhielt der Reichsarbeitsdienst eine starke ideologische Ausrichtung und wurde um eine militärische Ausbildung erweitert.

Damals legte der Reichsarbeitsdienst Moore trocken, kultivierte neues Ackerland oder half beim Bau der Reichsautobahnen; im Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeitsdienstpflicht für weibliche Jugendliche eingeführt, die als «Arbeitsmaiden» vor allem karitative Aufgaben übernahmen.

Auch heute ist die Grundlage für die Arbeitsgelegenheiten oder Gemeinwohlarbeiten nach Hartz IV, dass die Tätigkeiten gemeinnützig und zusätzlich sind. So sind laut Wirtschaftsministerium soziale Betreuungsarbeiten in der Altenpflege und bei der Kinderbetreuung «gemeinnützig, da sie der Gemeinschaft zugute kommen und sie sind zusätzlich, wenn sie zusätzlich zu den Aufgaben erbracht werden, die die normalen Altenpflegekräfte und Erzieherinnen nicht leisten können».

Angesichts der Aussicht auf günstige Ein- und Zwei-Euro-Jobber jubeln die Wohlfahrtsverbände. Sie könnten damit Bereiche mit Arbeitskräftemangel abdecken - vorausgesetzt, der Arbeitslose verfügt über eine entsprechende Qualifizierung.

Doch nicht nur die Gewerkschaften befürchten einen massiven Stellenabbau bei den bisherigen Angestellten etwa in der Pflege. Sozialverbands-Präsident Adolf Bauer hält es zudem für unzumutbar, Menschen zu sozialer Arbeit zu zwingen. Experten fürchteten aber auch, dass mit den neuen Jobs dem örtlichen Handwerkern Arbeit weggenommen werde.

Auch was die Jobs den Arbeitslosen selbst bringen, ist umstritten. Die Betroffenen würden stigmatisiert und reduzierten schon im Vorfeld der Maßnahmen ihre Bemühungen um einen regulären Job, sagte etwa der IW-Arbeitsmarktexperte, Holger Schäfer, der «Berliner Zeitung».

Für den Ökonomieprofessor Stefan Sell von der Fachhochschule Koblenz geht es im Prinzip um die massenhafte Beschäftigung von Arbeitslosengeld-II-Empfängern, «die man nicht realistisch auf den ersten Arbeitsmarkt vermitteln kann», wie er dem WDR sagte.

Auch Viktoria Berntzen, Psychologin mit Schwerpunkt berufliche Rehabilitation und Integration in Siegen, sieht in den geplanten Billig-Jobs kein Universalrezept: «Wenn ein Mensch erst seit zwei Jahren arbeitslos ist, hat ein Ein-Euro-Job für ihn eine andere Bedeutung, als wenn er seit zehn bis fünfzehn Jahren Sozialhilfe bekommt», sagte sie der Nachrichtenagentur AP.

Bei einem Langzeitarbeitslosen könne ein solcher Job das Selbstbewusstsein stärken und helfen, sich wieder an Pünktlichkeit oder das regelmäßige frühe Aufstehen zu gewöhnen. Einem arbeitslosen Manager oder eine Sekretärin bringe es für das Selbstwertgefühl jedoch nichts, «wenn sie im Stadtpark die Wege fegen».

Um eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, müssten die Jobs zudem an Unternehmen gekoppelt sein, die eine Möglichkeit zur weiteren und besser qualifizierten Beschäftigung böten. Ein Problem, an dem die Beschäftigungspolitik in Deutschland bislang vorbeigehe, sei auch die Tatsache, dass Bedürftige in eine passive Rolle gedrängt würden. «Die Menschen müssen wieder lernen zu agieren, von sich aus den ersten Schritt zu tun», sagte Berntzen.

Quelle: AP

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